Mit
Ying und Yang
über Chi-Sao
zu Tai-Chi
be like water!
Kindheit
In den 80er Jahren mit einem Rolls Royce in die Schule gefahren zu werden, dass hat sich damals schon komisch angefühlt. Geboren in Stuttgart 1974 und aufgewachsen auf der schwäbischen Alb, um genauer zu sein, in Burladingen, dort, wo es ab und zu auch mal Affen zu sehen gibt, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend. Wir hatten ein 500qm großes Haus und mindestens 20 Autos. Aber so genau hab ich das nie herausgefunden. In einer Scheune in einem Nachbardorf, standen weitere Autos. Geld, so sah es zumindest aus, spielte keine Rolle. Ich bin mit einem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen. Mein Vater hatte eine Marktlücke entdeckt. Er kaufte Textilmaschinen an und verkaufte diese wieder. Das Geschäft florierte. Damals.
Behütet bin ich aufgewachsen. Unser Haus stand direkt am Wald. Jeden Tag war ich an der frischen Luft, im großen Garten oder baute Holzhütten. Mit 10 Jahren kam ich zum Sport. Auf dem Bolzplatz nebenan durfte ich ab und zu mit den Großen mitspielen. Nicht, dass ich eine Chance hatte, ich bin halt dem Ball hinterher gesprungen. Aber immerhin so lange, bis ich nicht mehr konnte. So lange, bis ich vor Erschöpfung umgefallen bin.
Mit meiner Mutter besuchte ich schon im Alter von 14 Jahren autogene Training Kurse. Anfang der 90er verlief das Textilgeschäft in Deutschland oder auch in Westeuropa nicht mehr so gut. Die Aufträge gingen in die Türkei oder in den mittleren Osten nach Indien und Bangladesch. China war zu dieser Zeit noch sehr weit weg. Die Kunden sind mehr und mehr ausgewandert oder mussten zumachen.
Jugend
Als jugendlicher mit 17 ging es dann in die ersten Diskobesuche. Es gab einen wegweisenden Vorfall1992. Ich bekam eine richtig auf die Nase. Mein Hemd war völlig verblutet. Es hängt immer noch an meiner Wand. Als Erinnerung, als Andenken, als ein Signal. Denn danach suchte ich nach einer Kampfsport bzw. einem Ort und einem Trainer.
Ich hatte großes Glück. Rein zufällig bin ich über ein Schild auf der Hauptstraße in Burladingen gestoßen. WingTsung KungFu. Ja, das schaute ich mir an. Und habe den Trainer vor Ort – Sihing Ataman – angesprochen. In der nächsten Woche habe ich ein Probetraining absolviert. Mein charismatischer Trainer hatte mich überzeugt.
1992 bin ich Mitglied bei der EWTO geworden. Schnell hatte mein Sihing weitere Schulen in Mengen, Winterlingen und Richtung Bodensee aufgemacht. Meine ersten Schülergrade waren hart.
Training in den 90ern
Das Training auf dem Dachboden über einer Muckibude war unbeheizt. Zum Warmmachen waren erst mal mehrere Runden im Kreis angesagt. Die Kampfkultur und die Philosophie interessierten mich. Ich besuchte regelmäßig Lehrgänge. Was mir erst später aufgefallen ist, mein Sihing hatte immer Lehrgänge mit Sifus aus anderen größeren Schulen.
Mit meinem 3. Schülergrad war zum Beispiel Sifu Tassos aus Böblingen in Burladingen. Es herrschte Angst und ein übermäßig hoher Respekt. Den Pak-Sau auf meinem linken Unterarm spüre ich bis zum heutigen Tag. Einer seiner Schüler verlor seinen Schneidezahn bei einer Übung. Der Arme musste sich danach bei Sifu Tassos vor allen Schülern öffentlich entschuldigen. Er hatte sich ja schließlich zu dumm und auch falsch bei der Übung verhalten.
Ob Sifu Ataseven, Avci oder Botztepe – alle waren Sie mit dabei. Mein Sihing lernte von allen nur das beste: Waffenkampf (Escrima), Bodenkampf, Chi Sao, Lat Sao, Biu Sao.
Ich kann mich daran erinnern, dass ich mit dem vierten Schülergrad einen Kampf gegen einen Baseball-Schläger im Training hatte (der Schläger aus Plastik war mit Schaumstoff umhüllt und innen wer er hohl). Ich habe beide Hälften bei mir zu Hause, sie zerbrachen auf meinem Rücken.
Das Training damals war sehr hart. Jede Woche war Aufstellung für den Kampf. Die berühmten Drehkicks habe ich mehr als einmal abbekommen. Es hat mich aber auch zu dem gemacht, was ich heute bin. Einstecken und wieder aufstehen!
Dan Chi
Ich startete dann mit Dan Chi, dem einarmigen Chi-Sao mit den drei wichtigen Positionen: Bong, Tan- und Fook Sao, aber auch Faust- und Handflächenstoß sowie Chum-Sao (die sechs Stationen – der Partner greift mit Handfläche an, mit sinkendem Ellbogen wird abgewehrt, der Angriff mit Fauststoß wird mit Bong-Sao abgewehrt, der Partner verändert zu Tan-Sao und zu Fook-Sao wird verändert.)
Großmeister Leung Ting und auch Sifu Kernspecht durfte ich in Livorno, Italien, Mitte der 90er auf einem internationalen Lehrgang kennenlernen. Die Siu-Nim-Tau Form - die erste Form des Wing Tsung Systems - hatte mir schon immer gut gefallen, die kleine Idee Form. Großmeister Leung Ting zeigte diese Form damals unter dem Begriff „Gesundheitsform“. Ganz langsam, mit tiefer Atmung, ganz anders, sehr intensiv – er stand auf einem runden Baumstamm. Beim 4. Satz dachte ich, seine Augen fliegen raus.
Die EWTO und die Lehre bzw. der Bezug zu Yin und Yang – dem „fünften Element“ blieben mir über all die Jahre gänzlich verborgen.
Ein Aspekt, der mir erst im Laufe der Zeit durch meinen Sihing ersichtlich geworden ist, dass die Siu-Nim-Tau Form schon eine Art Meditation ähnlich wie im Buddhismus ist. Es geht um die Atmung. Das Bündeln der Energie. Der Unterkörper wird mit trainiert. Der Atem fließt. Es fühlt sich wie eine starke Verbundenheit zur Erde an. Nur, dass man steht, und nicht sitzt. Die Techniken und die Anwendungen begleiteten mich von nun an ständig.
Die suchende Arme oder brückenaufbauende, also die 2. Form im Wing Tsung System – die sogenannte Chum-Kiu – Form, lehrte mich die Schritte, Wendungen, Tritte sowie Fauststöße. Die Techniken der 2. Form sind ausreichend, um sich gegen Schläge, Tritte, Halten, Werfen oder Würgen zu verteidigen. Besonders die Bong-Sao Abwehr wird stark eingesetzt.
Mittlerweile hatte ich den achten Schülergrad. Mit dem zweiarmigen Chi-Sao tat ich mich am Anfang schwer. Erst recht mit den Übungen und Anwendungen. Manchmal dachte ich, die Techniken sind zu hoch für mich. Warum vergesse ich die Abläufe immer?
Eine Millionen Euro Schulden
Der erste Konkurs. Der Umzug nach Hechingen. Es fühlte sich falsch und komisch an. Wir müssten das Haus mit großem Schwimmbad, Sauna und Whirlpool und alle Autos verkaufen. Das Abitur ging vorüber, genauso wie der Zivildienst. Das Studium startete. Während dieser Zeit habe ich viel meinem Vater geholfen, war öfters auf Geschäftsreisen mit in der Türkei. Ich lernte türkisch auf der Volkshochschule.
Der zweite Konkurs. Diesmal wurden die Schulden übertragen. Auf mich und meinem Bruder. 1 Mio. €. Wir hafteten persönlich dafür. Mein Vater war zu dieser Zeit oft auf dem Golfplatz. Selbstverständlich waren alle anderen Schuld an der Situation. Er war es nie. Auch der Umgang mit Finanzen und Steuer war sehr erschwert. Ich verstehe es seiner Meinung nicht. Es war eine sehr aufreibende Zeit. Ich fing an zu arbeiten. Und konnte in meinem Urlaub die Buchhaltung (größtenteils waren keine Belege vorhanden) machen – für die nächsten 15 Jahre.
2007 ging ich für drei Jahr nach Singapur. Auf meinen Reisen wurde mein Konto gesperrt, die Kreditkarten funktionierten nicht mehr. Viele Telefonate mit Banken, Insolvenzverwaltern, Finanzamt, Steuerberater führte ich von Asien aus. In dieser Zeit bereiste ich alle Länder in Asien.
Buddhismus, Taoismus oder Hinduismus, ich habe alle religiösen Weltkulturen in Asien erfahren und kennenlernen dürfen. Ich lernte Chinesisch. Die innere Ruhe habe ich damals jedoch nicht gefunden.
Ich habe die Statue von Bruce Lee in Hongkong gesehen, sowie sein Grab in Seattle, USA. Insgesamt 70 Länder weltweit habe ich bereist. Bin über 1000 mal geflogen. In diesen Jahren habe ich kein oder fast kein Training mit meinem Sihing gehabt. Wir sind dennoch immer im Kontakt geblieben, wir kannten uns mittlerweile schon über 20 Jahre.
Mein Sihing gründetet 2000 seine eigene Organisation, WTAA und wurde Großmeister, Sigung Ataman, für mich war immer mein großer Bruder, mein Sihing. Und ist es bis heute geblieben.
Mein Frau und mittlerweile unsere drei Söhne lebten wieder in der Nähe von Hechingen.
1. TG und Holzpuppe
Mein großes Ziel war es, den 1. TG zu erlangen. Das Ziel, das über all die Jahre nie wirklich aus den Augen war. Ich fing wieder an, Privattraining zu nehmen.
Die ersten Chi-Sao Sektionen. Sogar die Holzpuppenformen (119 – 12/12, 9, 9, 19, 15, 16, 27) dürfte ich erlernen. Es hat mich ungemein motiviert. Ich lernte, mit meiner Energie, mit dem Chi Fluss umzugehen oder genauer gesagt zu spüren, dass es diese Energie, diese Chi Energie überhaupt gibt. Seit diesem Zeitpunkt war ich innerlich sehr motiviert: endlich, das Lernen, das Dazulernen! Was macht die Kampfkunst aus? Wie funktioniert sie wirklich?
Jeden Samstag über Jahre Fragen, Antworten, Gespräche, Austausch an der Holzpuppe mit meinem Sihing – learning by doing. Be like water. Nehme die Energie aus der Erde, bewege dich täglich im Einklang, jederzeit, bei jedem Ort. Egal, was du machst. Es – also die Energie – das Ying und Yang begleitet dich überall. Im Stehen, im Gehen, im Sitzen, im Sprechen. Ying und Yang – sich wohlfühlen, im Wu-Shi.
Ein Traum, ein Ziel ist wahr geworden. Der erste Techniker. 2018.
Jetzt war die Frage, wie es weiter geht. Mich interessierte vor allen Dingen die Methoden und die Philosophie von Tai-Chi. Dem Yang Stil. Die 24 Peking Formen von Yang Luchan (1794-1872.)
Jedesmal wenn ich meinem Sihing bei seinen Erklärungen zugeschaut habe, habe ich das Fließen, das „be like water“ gespürt, ja förmlich die Energie spüren können. Alleine schon beim Zuschauen! Diesen Ursprung, diese ursprüngliche Energie, das wollte ich erlernen. Damals noch mehr, als die Chi-Sao Sektionen.
Auf den guten Rat von meinem Sihing ging es allerdings in Richtung 2. TG mit dem traditionellen Ablauf, welcher die 1-7 Sektionen vorsieht mit der weißen Voraussicht, dass es die Grundlage für das Biu-Tze Chi-Sao ist. Und das interessierte mich natürlich, und ich habe es besser verstehen können.
Es dauerte auch hier seine Zeit bis ich mehr und mehr verstanden habe, dass Chi-Sao und Tai-Chi sich ergänzen bzw. das selbe sein können und auch sind! Wie Ying….und Yang.
Und auch, wie ich Dantien aktiviert bekomme bzw. wo der Ursprung der inneren Energie sich entfaltet und befindet. Das Qi sammeln ins Dantien. Alles, angefangen mit der Siu-Nim-Tau Form, fühlt sich dann anders an. Aktivierender und energiegeladener.
Kopf frei durchs Laufen
Und parallel hat es an die 20 Jahre gedauert, bis schließlich auch alle Steuern von sämtlichen Umschuldungen und Vergleichen gezahlt worden sind.
Erst im Jahr 2020 waren alle Steuerschulden abgezahlt.
Um mich einigermaßen auszurichten, bin ich über all die Jahre öfters gelaufen, auch, um dabei meinen Kopf freizubekommen. Ein paar Marathons hatte ich bis dahin absolviert. Die Zeit hat nie eine Rolle für mich gespielt. Mich interessierte Letztenendes eher was passiert, wenn der Körper nicht mehr kann. Was passiert, wenn ich länger laufe? Laufe ich dann in ein schwarzes Loch?
2020 und Griechenland
Für mich hat es absolut keinen Sinn gemacht, nicht mehr in dieser verrückten Zeit (Corona) an die frische Luft gehen zu dürfen. Auch das WT Training wurde reduziert.
Ich bin dennoch viel Laufen gewesen und habe mir ein weiteres Ziel gesetzt: 246 Kilometer am Stück zu laufen. Den Spartathlon in Griechenland, dem ältesten und geschichtsträchtigsten Lauf überhaupt (er hat tatsächlich so 490 B.C. stattgefunden.) Nur 30 Läufer aus Deutschland dürfen pro Jahr teilnehmen, weltweit sind es 390. Man muss sich qualifizieren. Entweder 24h lang, also über 181 Kilometer laufen, oder 100 Meilen unter 21h laufen. Ich entschied mich für letzteres und hier einen Mentaltrainer aus der Schweiz angeheuert.
Welche mentale Techniken brauche ich, um so lange durchzuhalten? Was passiert mit der Atmung bzw. wie wichtig ist diese? Ich lernte mit der Zeit, die Energie durch meine Atmung zu steuern und unbewusst zu lenken. Durch Visualisierungstechniken, Atemtechniken, Energiebilder. Die Idee dabei ist, sein aktives Bewusstsein auszuschalten.
Wir denken täglich bis zu 60.000 Gedanken. Diese haben eine eigene Frequenz, man kann die Gedanken messen. In Hertz. Wir befinden uns im Wachzustand in der Beta Ebene (zwischen 9-13 Hertz). Durch Mantras und Atmung gelangt man in den Alpha Zustand. Meditatives Laufen sozusagen. Die Quantenmechanik und die Elementarteilchen Physik haben die Struktur und Möglichkeit, meine Atome ebenfalls auszurichten, durch Elektronenverschränkung kann man sich mit dem Zukunftsbild verschränken. r.
Und dies hab ich dann auch angewandt. In Griechenland bin ich 25 Stunden Tag und Nacht ununterbrochen gelaufen, bei fast 40 Grad im Schatten tagsüber, mit einem Muskelfaserriss. Ich musste bei Kilometer 172 und nach 2500 Höhenmeter aufhören, weil ich fünf min zu spät in der vorgesehenen Zeitvorgabe ankam.
Das letzte Jahr - 2024
So viele Lehrgänge, wie in den letzten 12 Monaten, hatte ich in den letzten 32 Jahren WT nicht absolviert. Ich wollte nun endgültig herausfinden wie es war, nach Instinkt zu agieren.
Hierbei gab es die Herausforderung, die 5-7 Sektion zu erlernen und gleichzeitig die ersten vier Sektionen zu bewahren, zu verstehen, anzuwenden, um alle sieben dann auch zu vermischen. Die Biu-Tze Form machte mir großen Spaß, genauso die Abläufe mit der Holzpuppe, mittlerweile konnte ich die Übergänge mit verbundenen Augen und aktivierte mein Chi dabei.
Neue Tätigkeit
Geschäftlich hab ich mich weiterentwickelt und bin seit diesem Jahr Geschäftsführer. Ich darf die 3. Generation von einem familiengeführten Unternehmen mit 55 Mio. € Jahresumsatz gestalten und bin für 800 Personen mitverantwortlich.
Es geht jeden Tag um fünf Uhr morgens raus. Es sind 12 Stunden am Tag arbeiten und abends mit Training in Hechingen oder Hirrlingen. Immer mein Ziel vor Augen, instinktiv Chi Sao zu üben und zu erlernen. Learning by doing. Die sieben Sektionen zu mischen. Den Druck aufzunehmen, anzunehmen, umzuwandeln. Mit Chi, mit der Lebens-Energie, reflexartig, instinktiv und im Wu-Shi.
Be like Water
Das Leben ist ein Prozess. Es geht auf und ab. Mit Ying und mit Yang. Alles kommt, alles geht. Materielles gibt es nicht. Mit meinem Vater habe ich meinen Frieden gemacht.
Die Lebensphilosophie, die Kampfkunst Philosophie und die Passion dabei, die mein Sihing und all seine kompetenten Ausbilder – Qualität in der Ausbildung – lehren und praktizieren, inspiriert mich immer und immer wieder. Füllt mich aus, richtet mich aus. Ich möchte weiterhin dazulernen. Ein Todai sein.
Alles geht weiter, Panta Rhei - alles fliest - im Mai geht es nach Izmir auf einen Lehrgang. Die Rede ist von Kapiteln und Biu-Tze Chi-Sao. Es sieht so aus, als ob meine lange Reise mit Wing Tsung, mit meinem Freund und Sihing und seinen Wegbegleitern weitergeht. Nach über 32 Jahren. Und mit der gefundenen, inneren Ruhe.
Dafür bin ich dem Schicksal unendlich dankbar in dem tiefen Bewusstsein, dass alles so seinen Sinn hat.







